Paulus - zwischen den "Höhen Gottes" und den "Tiefen des Satans"
Paulus war am Höhepunkt seiner öffentlichen Bekanntschaft und Wirksamkeit angekommen. Er hatte großen Einfluss erworben und erlitten. Sein anständiger und edler Charakter machten bei den Großen des politischen Lebens Eindruck. Manche von ihnen waren zu seinen Freunden geworden, unter ihnen auch der Stadtkanzler von Ephesus. Der Saulus von damals war in Fülle zum Paulus geworden.
Damals gab es aber in derselben Stadt auch genug Scharlatne, heidnische Verführer, die einen naiven und funktionalen Wunderglauben des Volkes in ihren selbstsüchtigen Absichten ausnutzten, sich Ruhm und Reichtum verschaffen wollten.
Ihre sogenannten Götter verzweckten sie. Im Namen des Heilsgottes Asklepios boten sie Wunderkuren an. Mit Zaubertränken und magischen Talismanen nutzten sie die Angst der Menschen schamlos aus.
Sterndeuterei und Wahrsagerei verschafften einer Schar von Götzenpriestern, Gauklern und Magiern reichen Lebensunterhalt. Vorgegebene göttliche Weisheit, Okkultismus und Esoterik waren in Ephesus allgegenwärtig, zogen viele Menschen in die „Tiefen des Satans“ (Offb 2,24). Das Magische und Dämonische hatte verborgen und hinterlistig große Macht erlangt.
Mit diesen „Tiefen des Satans“ legte sich Paulus an. Er ließ seine starke geisterfüllte Begabung aufleuchten gegen alles Finstere. Er hielt dem Fürsten der Nacht das Licht des Auferstandenen entgegen. Was seine Predigt nicht bewirkte, das geschah durch ihn im „Erweis des Geistes und der Kraft“ bei den Krankenheilungen, den Beschwörungen von Besessenen und den Dämonenaustreibungen. Wenn Paulus durch die Straßen ging, streckten sich ihm unzählige Hände entgegen und baten um sein Gebet, dass er sie heilen möge.
Paulus machte sie unter der Anrufung des Namens Jesu gesund ohne ein anderes Entgelt, als dass sie fortan den Namen Jesu priesen. Er stärkte den Glauben in den Menschen, die ihm begegneten, so sehr, dass sie die Kraft bekamen, durch Berufung auf Paulus selbst Dämonen auszutreiben.
Und zugleich gab es auch wieder Menschen, die die Anrufung des Namens Jesu anwandten wie einen Zauberspruch, der allein in Worten wirken will, nicht aber aus der Kraft des Glaubens.
Die Dämonen selbst bekannten: „Jesus kennen wir wohl, auch den Paulus, aber wer seid ihr?“ Der Name Jesu war daraufhin in aller Munde und wurde mit großer Ehrfurcht ausgesprochen.
Und es war klar geworden, dass Paulus kein Zauberer sei, sondern durch die Kraft des himmlischen Christus seine Wundertaten vollbringt.
„Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herr! Zieht an die Waffenrüstung Gottes, um den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen!
Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen. Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt! Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft, das Evangelium des Friedens. Vor allem, greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes! Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, sooft ich meinen Mund auftue, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden; als dessen Gesandter bin ich in Ketten, damit ich in ihm freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist“
(Eph 6,10-20)
Der Name des Herrn war groß in Ephesus, er triumphierte über alle anderen Namen. Es war die Macht der Wahrheit, die in Predigten und Machterweisen Gottes durch Paulus unüberhörbar und unübersehbar geworden war. Und Paulus darf im Philipperbrief bekennen: Gott hat Jesus über alle erhöht.
„und ihm den Namen verliehen. der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters “
(Phil 2,9f.)
Der Triumph des Namens Jesu wurde zum Erweckungserlebnis für viele in Ephesus. Das war ein großes Zeichen dafür, dass alles Zweifelhafte der Wahrheit und alles Düstere und Finstere dem Licht Gottes zu weichen hat.
Woher hatte Paulus diese Überzeugungskraft? – Allein aus der Mitte seines Lebens, nicht aus sich selbst, sondern aus Christus.
Das ist das wahre strahlende Geheimnis des Paulus, dass sein Einfluss nicht aus ihm selbst kommt, sondern dass er sich wie ein Gefäß dem Einfluss und Durchfluss des Lichtes Gottes in unsere Welt zur Verfügung stellt. Die Wunderkraft kommt aus dem Licht Gottes und hat somit auch Anziehungskraft, hinein in das Licht Gottes.
Aber da ist eben auch das so wirkliches Geheimnis der Dunkelheit: das Geheimnis des dämonischen Einflusses, der aus den „Tiefen Satans“ stammt. Die Macht der Unterwelt ist immer dann mobilisiert, wenn die Kraft des Himmels wirkt. Für Paulus war der Teufel keine Fantasie, sondern harte Realität. In den Korintherbriefen und in der Apostelgeschichte hören wir von „großer Erniedrigung, Tränen und Prüfungen“ (vgl. Apg 20,19). Für Paulus war klar, dass eine höllische Macht hinter dem Geschehen steht.
Er vertraute sich umso mehr Gott an und litt jede Not zur Verherrlichung Christi. Sein Christusleben wurde zum Christusleiden. Im Galaterbrief (Gal 6,14) lesen wird davon, dass Paulus sich nur des Kreuzes Christi rühmen könne. In den Korintherbriefen finden sich erschütternde Leidenskataloge:
„Ich glaube nämlich, Gott hat uns Apostel auf den letzten Platz gestellt, wie Todgeweihte; denn wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt, für Engel und Menschen. Wir stehen als Toren da, um Christi willen, ihr dagegen seid kluge Leute in Christus. Wir sind schwach, ihr seid stark; ihr seid angesehen, wir sind verachtet. Bis zur Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden mit Fäusten geschlagen und sind heimatlos. Wir mühen uns ab, indem wir mit eigenen Händen arbeiten; wir werden beschimpft und segnen; wir werden verfolgt und halten stand; wir werden geschmäht und reden gut zu. Wir sind sozusagen der Unrat der Welt geworden, der Abschaum von allen bis heute.“
(Gal 6)
Das furchtbarste Ereignis Ephesus war der „Kampf mit wilden Tieren“. (1 Kor 15,32)
Dieser Ausdruck erinnert stark an Worte des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien, der nach seiner Gefangennahme während seines Transportes nach Rom in Ketten gelegt schreibt:
„Von Syrien bis Rom kämpfe ich mit Bestien, an zehn Leoparden bin ich gefesselt.“
Die Rede ist hier von besonders lebensgefährlichen Soldaten, die zum Ausdruck ihrer Brutalität und Blutrünstigkeit Leopardenfelle trugen.
Paulus schreibt also wohl von einem lebensbedrohlichen Kampf mit befehlsempfangenden Soldaten.
„Wir wollen euch über die Not nicht in Unkenntnis lassen, Brüder und Schwestern, die in der Provinz Asien über uns kam und uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war so sehr erschöpft, dass wir am Leben verzweifelten. Aber was uns betrifft, hatten wir schon das Todesurteil erhalten, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt. Er hat uns aus dieser großen Todesnot errettet.“
(2 Kor 1,8-10a)
Es ist wohl auch eine Gefangenschaft des Paulus in Ephesus anzunehmen sowie unsagbare seelische Bedrängnis:
„In allem empfehlen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, unter Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, unter der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, durch Fasten, durch lautere Gesinnung, durch Erkenntnis, durch Langmut, durch Güte, durch den Heiligen Geist, durch ungeheuchelte Liebe, durch das Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken, bei Ehrung und Schmähung, bei übler Nachrede und bei Lob. Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig; wir werden verkannt und doch anerkannt; wir sind wie Sterbende und siehe, wir leben; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; uns wird Leid zugefügt und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles.“
(2 Kor 6,4-10)
Doch Paulus verzweifelte nicht. Immer wieder hat er an die Kraft Gottes geglaubt, die aus dem Tod Leben erwecken kann. Nur wer glaubt, kann im Leiden von der Zukunft reden. Auch in Ephesus hielten ihn himmlische Stimmen aufrecht und riefen ihn zu einem neuen Aufbruch:
„Als sich diese Geschehnisse erfüllt hatten, fasste Paulus im Geist den Beschluss, über Mazedonien und Achaia nach Jerusalem zu reisen. Er sagte: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen.“
(Apg 19,21).