Hl. Polycarp
Polykarp von Smyrna
Polykarp von Smyrna (um 69 – 155/167 n. Chr.) war eine der bedeutendsten Führungspersönlichkeiten des frühen Christentums in Kleinasien. Als Schüler der Apostel und Bischof von Smyrna verkörperte er die lebendige Überlieferung und den Übergang von der apostolischen Zeit zur sich formierenden frühkatholischen Kirche.
Frühe Jahre und Verbindung zu den Aposteln
Polykarp wurde um das Jahr 69 n. Chr. geboren. Der Name „Polykarp“ ist griechisch und bedeutet „der Fruchtreiche“. Die frühe christliche Gemeinde in seiner Heimatstadt Smyrna, einer bedeutenden Hafenstadt in der römischen Provinz Asia (heute Izmir in der Türkei), wird erstmals in der Offenbarung des Johannes erwähnt, wo sie für ihre Armut und Treue in Bedrängnis gelobt wird.
Laut Irenäus von Lyon, der Polykarp in seiner Jugend persönlich gekannt hatte, wurde Polykarp „von den Aposteln unterrichtet“ und von ihnen zum Bischof von Smyrna eingesetzt. Diese direkte Verbindungslinie zu den Aposteln machte seine Autorität in Lehrfragen für die nächsten Generationen unantastbar.
Polykarp als Bischof und Briefschreiber
Polykarps Führungsstil wird durch den erhaltenen Brief des Polykarp an die Philipper greifbar. Interessanterweise tritt er darin nicht als alleiniger monarchischer Bischof auf, sondern nennt sich gemeinsam mit einem Kollegium von Presbytern (Ältesten) als Absender. Dies wirft ein Licht auf die noch im Fluss befindliche Kirchenordnung seiner Zeit.
Der Brief ist eng mit der Überlieferung der Ignatiusbriefe verbunden. Ignatius, der Bischof von Antiochia, schrieb auf seinem Weg zum Märtyrertod in Rom auch einen Brief an Polykarp. Polykarp sammelte später die Briefe des Ignatius und sandte sie zusammen mit seinem eigenen Schreiben an die Gemeinde in Philippi weiter. Inhaltlich mahnt Polykarp zur Standhaftigkeit im Glauben, zur Nächstenliebe und zur Treue gegenüber der überlieferten Lehre.
Der Osterstreit und der Besuch in Rom
Ein Höhepunkt seines Wirkens war sein Besuch in Rom um das Jahr 155, zu Zeiten von Bischof Anicet. Der Anlass war ein theologisch-praktischer Disput: Polykarp und die kleinasiatischen Gemeinden feierten das Osterfest traditionell am 14. Nisan (quartodecimanisch), unabhängig vom Wochentag, während die römische Praxis sich auf den darauf folgenden Sonntag festgelegt hatte.
Trotz dieser ungelösten Meinungsverschiedenheit einigten sich Polykarp und Anicet darauf, in kirchlicher Gemeinschaft zu bleiben. Dieser Besuch unterstrich Polykarps Rolle als repräsentative Autorität aller Gemeinden der Provinz Asia.
Das Martyrium Polykarps
Der Tod Polykarps ist im Martyrium Polycarpi, einem der ältesten und authentischsten Märtyrerberichte, detailliert festgehalten. Die historische Datierung variiert zwischen 155 n. Chr. (Frühdatierung) und 167 n. Chr. (Spätdatierung).
Während einer lokalen Christenverfolgung suchte Polykarp zunächst auf einem Landgut Zuflucht, wurde jedoch verraten und festgenommen. Vor dem römischen Prokonsul Statius Quadratus in Smyrna wurde er aufgefordert, dem Christusglauben abzuschwören und dem Kaiser zu opfern.
Seine Antwort ist legendär und wurde zum Vorbild christlicher Standhaftigkeit:
„Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir kein Unrecht zugefügt; wie kann ich da meinen König verfluchen, der mich erlöst hat?“
Da er sich weigerte, den Kaiser als „Herrn“ (Kyrios) anzuerkennen – einen Titel, der für Christen nur Jesus zustand –, wurde er zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Der Bericht schildert, wie die Flammen seinen Körper wie ein Segel umgaben, aber nicht verzehrten, sodass er schließlich mit einem Dolchstoß getötet werden musste. Seine sterblichen Überreste wurden von den Christen „kostbarer als Edelsteine“ geehrt und bestattet.
Theologisches Vermächtnis und Nachwirkung
Polykarps bleibende Bedeutung liegt in seiner Rolle als lebendige Tradition. Für Autoren wie Irenäus war er die entscheidende Brücke, die die reine, unverfälschte Lehre der Apostel direkt an die Kirche seiner Zeit weitergab. Er war ein wichtiger Gegner frühchristlicher Häresien, insbesondere des Gnosis.
Sein Brief und sein Martyriumsbericht zählen zu den zentralen Schriften der Apostolischen Väter. Diese Schriften bilden die wichtigste literarische Quelle für das Verständnis des Christentums zwischen der Abfassung des Neuen Testaments und den großen Kirchenvätern des 3. und 4. Jahrhunderts.