Apostolische Reise von Papst Johannes Paul II. in die Türkei – Predigt in Ephesus

PREDIGT VON SEINER HEILIGKEIT JOHANNES PAUL II.

Ephesus
Freitag, 30. November 1979

Mit einem Herzen, das überfließt von tiefer Bewegung, ergreife ich das Wort in dieser feierlichen Liturgie, die uns um den eucharistischen Tisch versammelt sieht, um im Licht Christi, des Erlösers, der glorreichen Erinnerung an seine allerseligste Mutter zu gedenken. Der Geist wird beherrscht von dem Gedanken, dass in eben dieser Stadt die Kirche, im Konzil versammelt – dem dritten ökumenischen –, Maria offiziell den Titel „Theotokos“ zuerkannte, der ihr schon vom christlichen Volk zugesprochen wurde, aber seit einiger Zeit in einigen Kreisen, die sich vor allem auf Nestorius beriefen, angefochten wurde. Der Jubel, mit dem die Bevölkerung von Ephesus damals im fernen Jahr 431 die Väter empfing, die aus dem Konzilssaal heraustraten, wo der wahre Glaube der Kirche bekräftigt worden war, verbreitete sich rasch in allen Teilen der christlichen Welt und hat nicht aufgehört, bei den nachfolgenden Generationen widerzuhallen, die im Laufe der Jahrhunderte weiterhin mit vertrauensvollem Eifer zu Maria als zu derjenigen gefleht haben, die dem Sohn Gottes das Leben geschenkt hat.

Auch wir wenden uns heute mit demselben kindlichen Eifer und demselben intensiven Vertrauen an die heilige Jungfrau, grüßen in ihr die „Mutter Gottes“ und vertrauen ihr das Schicksal der Kirche an, die in diesen Zeiten besonders harten und tückischen Prüfungen unterworfen ist, aber auch vom Wirken des Geistes zu Wegen getrieben wird, die den vielversprechendsten Hoffnungen offenstehen.

„Mutter Gottes“. Indem wir heute diesen mysterienschweren Begriff wiederholen, gehen wir im Geist zu dem unsagbaren Augenblick der Menschwerdung zurück und bekennen mit der ganzen Kirche, dass die Jungfrau Mutter Gottes wurde, weil sie gemäß der Menschheit einen Sohn geboren hat, der persönlich das Wort Gottes war. Welche Tiefe der Herablassung eröffnet sich vor uns!

Dem nachdenklichen Geist stellt sich spontan eine Frage: Warum hat das Wort es vorgezogen, von einer Frau geboren zu werden (Gal 4,4), anstatt vom Himmel herabzusteigen mit einem bereits erwachsenen Leib, gebildet von der Hand Gottes (vgl. Gen 2,7)? Wäre das nicht ein Weg gewesen, der ihm würdiger gewesen wäre? Angemessener für seine Sendung als Lehrer und Retter der Menschheit? Wir wissen, dass nicht wenige Christen (vor allem in den ersten Jahrhunderten) es vorgezogen hätten, dass die Dinge so verlaufen wären (Doketen, Gnostiker usw.). Das Wort hingegen ging den anderen Weg. Warum?

Die Antwort stellt sich uns mit der klaren und überzeugenden Einfachheit der Werke Gottes dar. Christus wollte ein echter Spross (Jes 11,1) des Geschlechts sein, das er zu retten kam. Er wollte, dass die Erlösung wie von innen aus der Menschheit heraus erblühte, als etwas, das zu ihr gehört. Christus wollte dem Menschen nicht wie ein Fremder zu Hilfe kommen, sondern wie ein Bruder, indem er ihm in allem gleich wurde, außer der Sünde (vgl. Hebr 4,15). Deshalb wollte er eine Mutter und fand sie in Maria. Die grundlegende Sendung des Mädchens von Nazaret bestand also darin, das Bindeglied des Erlösers mit dem Menschengeschlecht zu sein.

In der Heilsgeschichte jedoch vollzieht sich das Handeln Gottes nicht über den Köpfen der Menschen hinweg: Gott zwingt das Heil nicht auf. Er hat es auch Maria nicht aufgezwungen. Bei der Verkündigung wandte er sich auf persönliche Weise an sie, befragte ihren Willen und erwartete eine Antwort, die aus ihrem Glauben hervorging. Die Väter haben diesen Aspekt vollkommen erfasst, indem sie feststellten, dass „die selige Maria den, den sie im Glauben gebar, im Glauben empfangen hat“ (hl. Augustinus, Sermo 215, 4; hl. Leo der Große, Sermo I in Nativitate, 1; usw.), und auch das jüngste Zweite Vatikanische Konzil hat dies betont, indem es erklärte, dass die Jungfrau „auf die Verkündigung des Engels hin das Wort Gottes in Herz und Leib aufnahm“ (Lumen Gentium, 53).

Das „Fiat“ der Verkündigung eröffnet so den neuen Bund zwischen Gott und der Kreatur: Während es Jesus unserer Abstammung gemäß der Natur einfügt, fügt es Maria ihm gemäß der Gnade ein. Die Verbindung zwischen Gott und der Menschheit, die durch die Sünde unterbrochen war, ist nun glücklicherweise wiederhergestellt.

Die totale und bedingungslose Zustimmung der „Magd des Herrn“ (Lk 1,38) zum Plan Gottes war also eine freie und bewusste Zustimmung. Maria willigte ein, die Mutter des Messias zu werden, der gekommen war, „um sein Volk von den Sünden zu erlösen“ (Mt 1,21; vgl. Lk 1,31). Es handelte sich nicht um eine einfache Zustimmung zur Geburt Jesu, sondern um die verantwortungsvolle Annahme, am Werk der Erlösung teilzunehmen, das er zu verwirklichen kam. Die Worte des „Magnificat“ bieten eine klare Bestätigung dieses hellen Bewusstseins: „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an, / er denkt an sein Erbarmen, / wie er unsern Vätern geschworen hat, / Abraham und seinen Nachkommen auf ewig“ (Lk 1,54-55).

Indem Maria ihr „Fiat“ ausspricht, wird sie nicht nur Mutter des geschichtlichen Christus; ihre Tat stellt sie als Mutter des ganzen Christus, als „Mutter der Kirche“ hin. „Vom Augenblick des ‚Fiat‘ an“, bemerkt der heilige Anselm, „begann Maria, uns alle in ihrem Schoß zu tragen“, deshalb „ist die Geburt des Hauptes auch die Geburt des Leibes“, urteilt der heilige Leo der Große. Der heilige Ephräm hat seinerseits einen sehr schönen Ausdruck in dieser Hinsicht: Maria, sagt er, ist „die Erde, in der die Kirche gesät worden ist“.

In der Tat, in dem Augenblick, in dem die Jungfrau Mutter des fleischgewordenen Wortes wird, ist die Kirche geheimnisvoll, aber keimhaft vollkommen, in ihrem Wesen als mystischer Leib konstituiert: Es sind ja der Erlöser und die erste der Erlösten anwesend. Von nun an wird die Einverleibung in Christus ein kindliches Verhältnis nicht nur zum himmlischen Vater, sondern auch zu Maria, der irdischen Mutter des Sohnes Gottes, mit sich bringen.

Jede Mutter überträgt auf ihre Kinder ihre eigene Ähnlichkeit: Auch zwischen Maria und der Kirche gibt es ein Verhältnis tiefster Ähnlichkeit. Maria ist die ideale Gestalt, die Personifikation, der Urtypus der Kirche. In ihr vollzieht sich der Übergang vom alten zum neuen Volk Gottes, von Israel zur Kirche. Sie ist die Erste unter den Demütigen und Armen, die treu geblieben sind und die Erlösung erwarten; und sie ist wiederum die Erste unter den Erlösten, die in Demut und Gehorsam das Kommen des Erlösers aufnehmen. Die östliche Theologie hat sehr auf die „Katharsis“ insistiert, die in Maria im Augenblick der Verkündigung geschieht; es genüge hier, an die ergreifende Paraphrase zu erinnern, die der orthodoxe Bischof Gregorios Palamas in einer seiner Predigten davon macht: „Du bist schon heilig und voll der Gnade, o Jungfrau, sagt der Engel zu Maria. Aber der Heilige Geist wird wieder über dich kommen, indem er dich durch eine Vermehrung der Gnade auf das göttliche Geheimnis vorbereitet“ (Gregorios Palamas, Predigt über die Verkündigung: PG 151,178).

Mit Recht hat daher in der Liturgie, mit der die Ostkirche das Lob der Jungfrau feiert, der Gesang, den die Schwester des Mose, Mirjam, beim Durchzug durch das Rote Meer anstimmt, einen hervorragenden Platz, gleichsam um anzudeuten, dass die Gottesmutter als Erste an der Spitze des neuen, von Christus befreiten Volkes Gottes das Meer der Sünde durchschritten hat.

Maria ist die Erstlingsfrucht und das vollkommenste Abbild der Kirche: „portio maxima, portio optima, portio praecipua, portio electissima“ (Rupert, In Apocalypsin, I, VII, c. 72). „Mit allen Menschen, die des Heiles bedürfen, verbunden“, verkündet auch das Zweite Vatikanische Konzil, ist sie „in erhabenerer Weise aufgrund der Verdienste ihres Sohnes erlöst worden“ (Lumen Gentium, 53). Maria steht daher vor jedem Gläubigen als die ganz reine, ganz schöne, ganz heilige Kreatur, die fähig ist, „Kirche zu sein“, wie es keine andere Kreatur hier auf Erden jemals sein wird.

Auch wir schauen heute mit liebender Hinwendung von Kindern auf Maria als auf unser Vorbild.

Wir schauen auf sie, um aus ihrem Beispiel zu lernen, die Kirche aufzubauen. Zu diesem Zweck wissen wir, dass wir vor allem unter ihrer Führung im Üben des Glaubens wachsen müssen. Maria lebte ihren Glauben in einem Bemühen um ständige Vertiefung und fortschreitende Entdeckung, wobei sie von Anfang an (vgl. Mt 1,18ff.) durch schwierige Augenblicke der Dunkelheit ging, die sie dank einer verantwortungsvollen Haltung des Hörens und Gehorsams gegenüber dem Wort Gottes überwand. Auch wir müssen jede Anstrengung unternehmen, um unseren Glauben zu vertiefen und zu festigen, „indem wir das Wort Gottes hören, annehmen, verkünden und verehren, im Licht desselben die Zeichen der Zeit erforschen und die Ereignisse der Geschichte deuten und leben“ (Paul VI., Marialis cultus, 17).

Maria steht uns als Beispiel mutiger Hoffnung und tätiger Liebe vor Augen: Sie ging in der Hoffnung, indem sie mit gefügiger Bereitschaft von der jüdischen Hoffnung zur christlichen Hoffnung überging, und verwirklichte die Liebe, indem sie deren Forderungen in sich aufnahm bis zur vollständigsten Hingabe und zum größten Opfer.

Ihrem Beispiel nach müssen auch wir in der Hoffnung standhaft bleiben, selbst wenn sich stürmische Wolken über der Kirche zusammenziehen, die wie ein Schiff voranschreitet auf den oft widrigen Fluten der menschlichen Geschehnisse; auch wir müssen in der Liebe wachsen, indem wir Demut, Armut, Dienstbereitschaft, die Fähigkeit des Hörens und der Herablassung pflegen, in Übereinstimmung mit dem, was sie uns mit dem Zeugnis ihres ganzen Lebens gelehrt hat.

Eines wollen wir uns heute besonders zu Füßen dieser unserer gemeinsamen Mutter geloben: Wir verpflichten uns, mit all unserer Kraft und in einer Haltung völliger Offenheit für die Eingebungen des Geistes den Weg zur vollen Einheit aller Christen voranzutreiben.

Unter ihren mütterlichen Augen sind wir bereit, unsere gegenseitigen Verfehlungen, unsere Egoismen, unsere Langsamkeiten anzuerkennen: Sie hat einen einzigen Sohn geboren, wir leider präsentieren ihn ihr geteilt. Das ist eine Tatsache, die uns Unbehagen und Schmerz bereitet: das Unbehagen und der Schmerz, denen mein Vorgänger seligen Andenkens, Papst Paul VI., in den einleitenden Worten des „Breve“ Ausdruck verlieh, das in voller Übereinstimmung mit dem gleichzeitig vom Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. veröffentlichten „Tomos“ die wechselseitigen Bannsentenzen, die viel früher in Konstantinopel ausgetauscht worden waren, aus dem Gedächtnis der Kirche tilgte und dem Vergessen anheimstellte: „Ambulate in dilectione, sicut et Christus dilexit nos: Diese mahnenden Worte des Apostels der Völker (Eph 5,2) richten sich an uns, die wir nach dem Namen des Erlösers Christen heißen, und bewegen uns, besonders in dieser Zeit, die dringlicher drängt, dass die Räume der Liebe erweitert werden“ (Paul VI., Ambulate in dilectione, 7. Dezember 1965: AAS 58 [1966] 40).

Seit jenem Tag ist viel Weg zurückgelegt worden; andere Schritte bleiben jedoch noch zu tun. Wir vertrauen Maria den aufrichtigen Vorsatz an, nicht zu ruhen, bis das Ziel glücklich erreicht ist. Wir meinen, von ihren Lippen die Worte des Apostels zu hören: „Denn ich fürchte, wenn ich komme, finde ich euch nicht so, wie ich es wünsche, und dann müsst ihr mich finden, wie ihr es nicht wünscht: dass es da Streit, Eifersucht, Zorn, Selbstsucht, Verleumdung, üble Nachrede, Aufgeblasenheit und Unordnung gibt“ (2 Kor 12,20). Nehmen wir mit offenem Herzen diese ihre mütterliche Mahnung an und bitten wir sie, uns zur Seite zu stehen, um uns mit sanfter, aber fester Hand auf den Wegen voller und dauerhafter brüderlicher Verständigung zu führen. So wird sich der höchste Wunsch erfüllen, den ihr Sohn in dem Augenblick aussprach, in dem er im Begriff stand, sein Blut für unsere Erlösung zu vergießen: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21).

Quelle:  vatican.va

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